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Gedanken zum Motiv der Kirchturmfahne der Kirchengemeinde in Langensteinbach zur Jahreslosung 2010
Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ (Johannes 14,1)
Seit vielen Jahren fahre ich mit ein paar Angelkameraden nach Dänemark zum Hochseeangeln. Vor zwei Jahren hatten wir allerdings mit dem Wetter wenig Glück. Nicht etwa, dass es geregnet hätte. Damit kann man als gestandener Angler gut leben, denn dafür gibt es entsprechende Kleidung. Nein, es war sehr windig, ja stürmisch. Resigniert standen wir am Strand und hofften auf ruhigere See. An einem Tag schließlich schien der Wind nachzulassen, also bestiegen wir unser Boot und fuhren aufs Meer hinaus. Aber kaum stellten wir den Motor ab, begann das Boot auf den Wellen zu tanzen. Eine Welle nach der anderen brach über uns herein. Ständig mussten wir uns mit einer Hand am Boot festklammern, um nicht von den Füßen gerissen oder gar ins Meer geschleudert zu werden. Angst stieg in uns auf, das Boot könnte umkippen und kentern. Schnell erkannten wir, dass wir umkehren müssen, wenn wir nicht unser Leben auf’s Spiel setzen wollen. Nur langsam, durchgeschüttelt und mit großem Herzklopfen erreichten wir schließlich wieder den sicheren Hafen.
Von einer aufgewühlten See ist auf dem Bild der Jahreslosungsfahne an unserem Kirchturm in Langensteinbach nichts zu spüren. Im Sonnenschein und ganz im Frieden und in aller Stille scheint das das Boot in seichtem Wasser zu dümpeln. Freundlich einladend sieht es aus mit seinem warmen Farbton. Auch das Kreuz im Bug des Schiffes hat nichts Bedrohliches. Wie ein Mensch seine Arme ausstreckt, um jemand anderen willkommen zu heißen, streckt es sein Querholz über das Boot aus. Das Bild atmet Urlaubsstimmung, Sommerlaune. Und doch - die großen Buchstaben der Jahreslosung zeugen davon, dass dieses Bild nur eine Momentaufnahme wiedergibt. Die Worte Jesu scheinen gar nicht zum idyllischen Bild zu passen, wenn er spricht: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Denn es sind Worte, die offensichtlich angstvolle Zeiten vor Augen haben. Es sind Worte, die Jesus an seine Jünger richtet, kurz bevor er gekreuzigt wird und dann nach seiner Auferstehung zu Gott, seinen himmlischen Vater zurückkehrt. Euer Herz erschrecke nicht - habt keine Angst, so beginnt er.
Als Jesus seinen Freunden diese Worte zuspricht, haben sie noch keine Vorstellung davon, was in Kürze auf Jesus und sie selbst zukommen wird. Monatelang sind sie Jesus gefolgt, haben manches Großartige erlebt. Auch sie waren wie in einer Art Urlaubsstimmung, erlebten ein spirituelles Highlight nach dem anderen. Aber im Hintergrund braut sich ein Sturm zusammen.
Auch auf dem Bild der Jahreslosung schweben einige Wolken am Horizont über dem weiten Wasser. Sind es Schönwetterwölkchen, die einen weiteren herrlichen Sonnentag ankündigen oder braut sich ein Sturm zusammen?
Man kann es schlecht erkennen, weil das Bild merkwürdig gestückelt ist. Das liegt daran, weil das idyllische Bild aus fast 1.200 Porträts zusammengesetzt ist. 365 Menschen aus unserer Kirchengemeinde haben sich beim Gemeindefest fotografieren lassen, um diese Fahne gestalten zu können. Jede und jeder von ihnen steht für einen Tag des neuen Jahres. Bis zu vier Mal kommen sie an irgendwelchen Stellen im Bild vor. Es sind Säuglinge von wenigen Wochen und alte Menschen jenseits der Neunzig, Frauen und Männer, Väter und Konfirmandinnen.
Menschen, denen das Wort Jesu gilt: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Aber auch uns, die wir das Bild mit den Worten Jesu betrachten, gilt der Satz. Jesus verspricht uns nicht, dass wir im kommenden Jahr nur Urlaubsstimmung genießen werden oder dass jeglicher Streit und jedes Unglück an uns vorüberziehen. Aber er verspricht uns, dass er unsichtbar an unserer Seite ist. In schönen Stunden, aber auch dann, wenn anstelle von Schönwetterwolken dunkle Wolken heranziehen und die Nacht über uns hereinbrechen sollte. Er verspricht uns, dass wir glauben dürfen, dass er an der Seite Gottes, seines Vaters, die Gemeinschaft mit uns nicht aufkündigt. Er weiß, dass unser Leben auch Stürmen ausgesetzt ist. So wie Stürme über das Meer brausen und die See von Zeit zu Zeit aufwühlen wie im eingangs geschilderten Erlebnis.
Niemand von uns weiß, was uns im neuen Jahr erwarten wird, weder die Menschen, deren Fotos uns vom Bild der Jahreslosungsfahne herablächeln, noch wir, die das Bild mit den Worten Jesu ansehen.
Ja auch wenn es uns gut geht, vieles macht uns auch Angst, so dass sich unser Herz ängstlich zusammenzieht: Die Wirtschaftskrise, die noch immer nicht überwunden ist und manchen Arbeitsplatz bedroht, die Klimaveränderungen, die schwelende Bedrohung durch Terrorismus, die Milliardenverschuldung unseres Landes, persönliche Sorgen und das Wissen um Krankheiten, Unfälle und Tod.
Aber Angst ist ein schlechter Berater und behindert gelingendes Leben.
Darum gilt in unsere Sorgen hinein das Wort Jesu: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Das heißt: Habt Vertrauen, ich meine es ja gut mit euch. Auch mit dir ganz persönlich. Selbst dann, wenn du mich gar nicht zu spüren scheinst. Ich lasse dich nicht allein und ich bleibe bei dir, was auch geschieht.
Als ich das Bild das erste Mal sah, habe ich mich gefragt, was das Kreuz wohl im Boot macht. Dient es als Mast für das Segel oder hat es der Besitzer als Zeichen dafür in sein Boot gesetzt, dass Jesus mit im Boot ist?
Ich habe mich für Letzteres entschieden, weil mir diese Antwort besser gefällt. An allen guten Tagen aber auch in allen Stürmen ist Jesus mit im Boot. Das Kreuz steht dafür. So wie seine Jünger es bei einem Sturm auf dem Genezareth erfahren haben. Während mit den Wellen und dem Wasser gerungen haben, schlief Jesus ruhig im Boot. Und als sie ihn wecken, fragt er sie nur, nachdem er den Sturm beruhigt hat: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ und die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium ließe sich übergangslos anschließen: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Ich wünsche Ihnen, dass Sie ein ruhiges und von Gott gesegnetes Jahr erleben. Aber wenn raue Tage kommen sollten und sich Angst breit machen will, dann wünsche ich Ihnen auch, dass Ihnen die Jahreslosung zum Vers wird, der Ihnen Mut und Kraft gibt, dem ganz zu vertrauen, der Ihnen die Hand entgegenstreckt und spricht: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und Glaubt an mich.“ Ich wünsche Ihnen die Erfahrung, dass Jesus nicht nur bei Ihnen im Boot sitzt, sondern auch, dass sie bei ihm im sicheren Boot sind. In diesem Sinn Gottes Frieden für das neue Jahr.
Ihr Pfarrer Ekkehard Stier
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